Dracarnum – Die Auferstehung des Necromanten
© by Wolfgang Tischer

-Prolog-

Zwischen Furcht und Bewunderung hin- und hergerissen erblickte ein einfacher Bauer aus dem Lande Dilburs die Silhouette eines jener Geschöpfe, deren Anmut und imposante Größe, wie man sagt, nur von Ihrer Intelligenz und Weisheit übertroffen werde. Heute würde ein besonderer Tag sein, und fast empfand er eine Spur jenen Mitleids, dass er sich weder leisten noch zu empfinden eingestehen wollte, wusste er doch, dass im Königreich alle mutigen Ritter zur Jagd gerufen wurden.All zu viele seiner und anderer Kühe wurden schon zur ungefragten Mahlzeit dieses zwar majestätischen, doch für den Menschen auch sehr bedrohlichen Geschöpfs.Seiner Gefühle nicht ganz sicher blickte der Bauer dem geflügelten Wesen nach, einem Menschen direkt hatte es nie etwas getan.

 

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Einer Gazelle gleich sprang Thorin ohne Furcht vor der tiefen Schlucht zum nächsten Felsvorsprung. Von Kindes an waren die Berge seine Heimat. Sicheren Schrittes zog er alle paar Tage aus, um nach Beutetieren Ausschau zu halten. Wie alle Jäger des kleinen Bergdorfes hatte auch er ein sicheres Gespür dafür, welche Tiere er jagen durfte, ohne das empfindliche Gleichgewicht der Bergwelt zu stören, er kannte die Wasserquellen und Ruheplätze der wilden Herden und jagte wenn möglich nur die Kranken und Schwachen. Doch der vergangene Winter hatte die Zahl der Tiere zu sehr ins Wanken gebracht, und Thorin musste weit ausziehen um genügend Nahrung für seine Familie zu beschaffen.
Fast alle wilden Tiere fürchteten das Feuer und somit hoffte Thorin, dass ihn das lodernde Licht vor einem plötzlichen Angriff schützen würde, solange er nur vorsichtig und bedächtig genug voran schritt.

 

 

 

An einem jener von Hunger gezeichneten Tage entdeckte er den Eingang einer ihm noch unbekannten Höhle. Ein eigenartiges Gefühl weckte seine Neugierde. Die Umgebung war unnatürlich still und reglos, so als wären alle Tiere von diesem Ort geflohen. Er näherte sich dem Eingang und erblickte eine ins Innere führende Spur geronnenen Blutes. Der Geruch baldigen Todes lag in der Luft, und trotzdem konnte er keinen der sonst üblichen Geier entdecken. Mit gezücktem Messer schlich er sich mutig in das beginnende Dunkel und verharrte dort einige Zeit, bis sich seine Augen an das schwache Licht seiner entzündeten Fackel gewöhnt hatten. Fast alle wilden Tiere fürchteten das Feuer und somit hoffte Thorin, dass ihn das lodernde Licht vor einem plötzlichen Angriff schützen würde, solange er nur vorsichtig und bedächtig genug voran schritt.

 

 

Gerade als er glaubte dem verwundeten Tier nahe zu sein und den schweren Atem hören konnte, schwoll eine Flamme vor ihm auf und er konnte sich mit knapper Not in eine Felsnische drücken, die eine jämmerliche, aber gerade noch ausreichende Deckung vor der sengenden Hitze bot. Sein Atem ging schwer und sein Herz raste. Hier lag kein Tier im Sterben. Er erkannte diese Gestalt, mit ihren mächtigen Flügeln, den elfenbeinfarbenen, geschwungenen Hörnern und den vorwurfsvoll feurig großen Augen. Trotz des nur kurzen Momentes, in dem die Höhle noch vom hellen Licht des Drachenfeuers erstrahlte, und dem sehr geschwächten Zustand war die erblickte Gestalt das edelste und anmutigste Geschöpf das er je zu Gesicht bekommen hatte.
In jenem Moment, als sich ihre Augen trafen erfüllte eine Stimme Thorins Kopf „Das Gift Deiner Lanze wirkt. Geh, Drachenjäger, Dein Werk ist vollbracht, lass mich alleine sterben oder Du wirst mit mir unter gehen.“

 

Ohne einen klaren Gedanken fassen zu können tastete sich Thorin langsam rückwärts aus der Höhle. Seine Gedanken rasten, ein Drachentöter, er? Nie könnte er einem solchen Wesen etwas antun, ein Gefühl umfasste sein Herz, als hätte er den Himmel in den Tiefen dieser Augen geschaut, die so rein und zugleich so voller Verachtung auf ihn geblickt hatten. Er musste etwas tun, er konnte nicht einfach von dannen ziehen, und dieses Geschöpf dahinsiechen lassen.


  Als Thorin endlich einen der Sträucher mit den roten Curias Beeren gefunden hatte erschien es ihm, als wäre bereits eine Ewigkeit vergangen. Dennoch hatte er Glück, denn eine beachtliche Menge der Beeren war reif und damit heilsam. Er hatte keine Ahnung welche Art von Gift in den Wunden des Drachens den Lebensfunken zu verlöschen drohten. Thorin konnte nichts anderes als hoffen. Hoffen dass er nicht zu spät kam, dass der Saft der Beeren wirkte und ihre Zahl ausreichend sein würde, um das vorangeschrittene Gift zu stoppen. Viel zu schnell bewegte er sich im Dunkel der Nacht die steilen Felsen entlang. Er konnte sich gerade noch an einem Ast festhalten, als er taumelte, und ein Stück der Felsenschlucht entgegenraste. Die aufgescheuerte Haut schmerzte, die Muskeln seines beim Sturz geschundenen Armes schmerzten, vielleicht war er auch gebrochen, den langsam begann er taub zu werden, doch dafür hatte er nun keine Zeit, er musste sich beeilen, ermahnte sich jedoch, nun gewarnt, zur Vorsicht. Etwas trieb ihn an, die innere Gewissheit, das Richtige zu tun.
  Trotz der zuvor erhaltenen Warnung betrat er, endlich angekommen, die Höhle erneut. Seine Waffen ließ Thorin vor dem Eingang zurück. Sie wären ohnehin viel zu klein und vermutlich nicht von großem Nutzen. So hielt er denn in der einen Hand die Fackel, in der anderen den Beutel mit den Beeren, als er nicht ganz frei von Furcht zurück an jene Stelle gelangte, in deren Nähe der Drache liegen musste. Er spürte geradezu körperlich die sengende Hitze der Flammen, die ihn einige Stunden zuvor aus der Höhle getrieben hatten. Trotzdem blieb er unbeirrt stehen, und lauschte. Schwach glimmten vor ihm die glühenden Augen des mächtigen Geschöpfs auf, eine kleine Flamme loderte in seinem riesigen Mund, spendete Licht. Thorin sah die schwere Wunde am Leib des Drachens, sah wie sich die herabhängenden Schwingen müde, fast leblos mit dem schwer atmenden Körper hoben und senkten. Dennoch war er sich dessen bewusst, dass er hier und jetzt sterben könnte.
  Langsam streckte er den Beutel mit den Beeren aus. Als nichts passierte, kniete er sich bedächtig nieder und breitete ein Tuch auf dem Boden aus, auf dem er die Beeren entleerte und zerdrückte. Als auch daraufhin nichts geschah, und ihn die tiefen Augen musterten, da faste er allen Mut, nahm das rot getränkte Tuch und schritt auf die Wunde zu. Er wusste, hier hatte ein Mensch Unrecht getan und falls er nun sterben würde, dann nur um dieses Unrecht zu sühnen.
Zitternd und erschöpft sank er einige Meter vom Drachen entfernt nieder. Er wusste nicht mehr wie er das getränkte Tuch befestigt hatte, irgendwie hatte er es getan, aus irgendeinem Grunde lies es der Drachen geschehen, vertraute ihm. Das Einzige was nun blieb war Warten. Warten und Hoffen.
  Thorin wartete 3 Tage und 3 Nächte, brachte Wasser und kleines Wild. Erfreut stellte er fest, dass sein geschundener Arm sich erholte und doch nicht gebrochen war, doch ob der Drache wieder genesen würde war nicht abzusehen. Als er am Morgen des 4 Tages erwachte, war Thorin nicht minder überrascht, denn der Drache war fort. Er wusste nicht, ob er sich nun freuen oder traurig sein sollte und nach einem letzten Blick auf den Höhleneingang wand er sich um und machte sich auf den Weg nach Hause. Viel Wild hatte er nicht bei sich, es musste einfach reichen, er hoffte, dass die anderen Jäger mehr Glück gehabt hatten, und mit ihm teilten, und sei es auch nur um seine eigentümliche Geschichte zu hören.   Sie teilten, doch Thorins Geschichte glaubte niemand, auch seine Eltern nicht, jedenfalls nicht bis eines Morgens ein lautes Flattern die kleine Dorfgemeinde aus dem Alltag riss. Ein riesenhaftes Geschöpf landete mitten auf dem Dorfplatz. Mehr aus Angst denn aus Vernunft hielten sich die Bewohner zurück, gleich mit ihren Lanzen auf den großen Drachen loszugehen. Doch Thorin erkannte ihn, erkannte den Schwung seiner Hörner, das Muster auf seinen Schuppen, und stellte überrascht fest, dass der Drache in seinen Klauen ein Geschenk gebracht hatte. Nahrung. Thorin näherte sich ihm während die anderen Bewohner ungläubig aus ihren Hütten und Häusern lugten. Und als sich Thorin plötzlich auf dem Rücken zwischen den mächtigen Flügeln in die Luft erhob war das Staunen nicht gering und niemand vermochte mehr zu zweifeln. Von diesem Tag an bestand ein freundschaftliches Band zwischen Thorin und diesem einen Drachen.   Im Dorf kehrte langsam wieder der Alltag ein, die ungewöhnliche Freundschaft wurde etwas unbehaglich beäugt, doch da Thorin nun mit wesentlich größerer Beute von seinen gemeinsamen Ausflügen zurückkehrte als jemals zuvor sagte man nichts.
Eines Tages jedoch, die mächtigen Schwingen seines Verbündeten trugen ihn nach geglückter Jagd zurück nach Hause, stimmte etwas nicht. Schwarze Rauchschwaden quollen über dem Dorf nach oben. Der Wind trug die Russgeschwängerte Luft an Thorins Nase und es roch verbrannt und Thalgiar, wie er den Drachen inzwischen zu nennen pflegte, trug ihn, die Besorgnis spürend, schnell seinem Dorf entgegen.
  Der Anblick war erschreckend, alle Häuser, von den Hütten ganz abgesehen waren bis auf den Boden abgebrannt. Überall waren blutige Spuren Zeugen eines gewaltigen Verbrechens. Den Tränen nahe, durchsuchte Thorin die Reste seines Elternhauses, durchsuchte das ganze Dorf und fand schließlich den geschundenen Körper eines alten Freundes von etlichem Schutt fast zu tote begraben. Vorsichtig befreite er den beinahe Bewusstlosen. Als er ihm Wasser geben wollte, sagt er mit schwerem Atem „Monster haben sie geholt, furchtbare Monster. Sie haben alle mitgenommen, Bitte Thorin, meine Frau, meine Kinder Du musst sie retten. Nur Du, Du allein kannst Sie retten.“ Die letzten Worte hauchte er nur noch, dann war er tot.